Marian Steinbach: Blog

Veröffentlicht am 28. September 2012, 15:19 Uhr (aktualisiert)

Zusammenfassung: Angeblich sollen die Stimmanteile der Grünen bei kommunalen Wahlen dann hoch sein, wenn die Wahlbeteiligung niedrig ist. Anhand von Daten zu den letzten Kommunalwahlen in NRW und Mecklenburg-Vorpommern kann ich diese behauptete Korrelation nicht bestätigen. Auch bei Bundestagswahlen gibt es sie so nicht.

Manfred Güllner ist Gründer und Geschäftsführer des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Forsa. Außerdem ist er Honorarprofessor für Kommunikationstheorie und Medienwirkungsforschung an der FU Berlin. Und neuerdings ist er auch noch Provokateur. Denn er hat ein Buch geschrieben, das im Herder-Verlag veröffentlicht wurde. Der Titel: “Die Grünen: Höhenflug oder Absturz”.

Ich habe dieses Buch, mit Ausnahme der Einleitung (die oben verlinkte Buchseite bietet eine Vorschaufunktion) nicht gelesen. Gelesen habe ich hingegen ein knappes Interview mit Herrn Güllner, das SPIEGEL ONLINE geführt und veröffentlicht hat. Darin spricht Güllner tatsächlich von einer “Grünen Diktatur” und von der Sorge, dass die Grünen die Demokratie in Deutschland gefährden. Wie er darauf kommt, bleibt im Interview weitgehend unklar. Letztlich wird darin nur eine einzige These genauer hinterfragt:

SPIEGEL: Sie behaupten, dass die Grünen die Wähler von den Urnen vergraulen und diese schrumpfende Wahlbeteiligung die Demokratie unterminiert. Wie kommen Sie darauf?

Güllner: Bei kommunalen Wahlen gibt es schon einen eindeutigen Zusammenhang: Je höher der Stimmenanteil der Grünen, umso niedriger die Wahlbeteiligung. Auch im internationalen Vergleich ist auffällig: Nirgendwo in den westlichen Staaten sank die Wahlbeteiligung in den vergangenen 30 Jahren so stark wie in Deutschland. Gleichzeitig wurden die Grünen hier besonders stark.

Das klingt sehr danach, als würde Güllner aus einer Korrelation eine Kausalität ableiten. Aber gucken wir uns erst mal genauer an, was da eigentlich behauptet wird.

  • Bei kommunalen Wahlen in Deutschland stellt Herr Güllner eine negative Beziehung zwischen dem Stimmanteil der Grünen und der Wahlbeteiligung fest.
  • Im Vergleich aller “westlichen Länder” sank die Wahlbeteiligung in den letzten 30 Jahren in Deutschland am stärksten.
  • Die Stimmanteile der Grünen in Deutschland sind in den letzten 30 Jahren gestiegen.

Ich hoffe sehr, dass Herr Güllner das in seinem Buch genauer erläutert, denn wenn dies hier das Fundament seines Bedrohungsszenarios darstellt, steht es doch auf arg wackeligen Füßen. Mir kommen da Fragen in den Sinn.

  • Welche kommunalen Wahlen hat sich Herr Güllner angesehen? Wahlen zu Stadt- und Gemeinderäten? Bürgermeisterwahlen? Kreistagswahlen? Landtagswahlen?
  • Hat Herr Güllner die Kommunalwahlen flächendeckend ausgewertet, oder nur stichprobenartig?
  • Für welchen Zeitraum hat Herr Güllner die Kommunalwahlen ausgewertet?
  • Wo erst- und Zweitstimmen abgegeben werden, welche Stimmanteile hat Herr Güllner da gewertet? Die Erststimmen oder die Zweitstimmen? Oder beide?
  • Welche Länder hat Herr Gülner mit den “westlichen Ländern” gemeint?
  • Welche Wahlen der letzten 30 Jahre hat Herr Güllner aus all den westlichen Ländern ausgewertet? Kommunale, regionale, oder landesweite Wahlen? Welche genau?
  • Mit welcher Wahlbeteiligung in Deutschland hat Güllner die internationalen Daten verglichen?
  • Wie hat Güllner das Sinken der Wahlbeteiligung gemessen, um festzustellen, dass dieser Wert in Deutschland am höchsten ist? (Z.B. Differenz in Prozentpunkten)
  • Welche Stimmanteile der Grünen meint Güllner, die in den letzten 30 Jahren gestiegen sein sollen?

Solange man nicht genau weiß, wovon Güllner spricht, ist es natürlich nicht ganz einfach, sich mit den Aussagen näher auseinanderzusetzen. Geschweige denn mit den Folgerungen daraus. Man könnte auf gut Glück einfach alle Kommunalwahlergebnisse und die Wahlbeteiligungen der letzten zwei bis drei Wahlen ansehen – wenn diese Daten so einfach zu bekommen wären. Tatsächlich muss, wer z.B. die Landtagswahlergebnisse aller Bundesländer vergleichen will, auf 16 verschiedene Landeswahlleiter-Websites gehen und dort nach einem Daten-Download fahnden. Als Ergebnis wird man teilweise Daten finden, die z.B. in Excel importierbar sind, teilweise aber nicht. Keine einfache Situation für einen Faktencheck.

Recht einfach ist es, sich die Ergebnisse der letzten beiden Bundestagswahlen näher anzusehen. Die Daten liegen als CSV-Datei vor. Ja, richtig, Herr Güllner sprach gar nicht von Bundestagswahlen, sondern von kommunalen Wahlen. Aber sollte nicht ein Effekt, wenn er bedeutend ist, auch auf Bundesebene nachvollziehbar sein?

Dieses Streudiagramm zeigt das Verhältnis von Wahlbeteiligung und Stimmanteil der Grünen (Zweitstimmen) bei der Bundestagswahl 2009, mit je einem Punkt für einen der 299 Wahlkreise:

Was man da sieht, ist eine positive Korrelation zwischen Wahlbeteiligung und Stimmanteil der Grünen (für die Statistiker: r=0,560, p-Wert < 2,2 * 10-16, 95-Prozent Confidence Interval: 0,477 / 0,633). Das bedeutet: Je höher die Wahlbeteiligung in einem Wahlkreis, desto höher der prozentuale Stimmanteil der Grünen an den Zweitstimmen in diesem Wahlkreis. Die blaue Linie im Diagramm ist die Regressionslinie für diese Korrelation. Sie zeigt also an, wo die Punkte lägen, wenn sich die Stimmenanteile ausschließlich nach der Wahlbeteiligung richten würden und es keine Streuung darin gäbe.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die herangezogenen Daten die Wahlbeteiligung nicht explizit angeben, wohl aber die Zahl der Wahlberechtigten je Wahlkreis und die Zahl der Wähler je Wahlkreis. Für diese Auswertung wurde für jeden Wahlkreis der Quotient aus diesen beiden Werten gebildet.

Zur Erinnerung: Güllner sagt, dass bei kommunalen Wahlen der Zusammenhang genau anders herum ist: Je geringer die Wahlbeteiligung, desto höher der Stimmanteil der Grünen.

Hier, der Vollständigkeit halber, auch die entsprechenden Daten für die Bundestagswahl 2005:

Hier lagen sowohl Wahlbeteiligung als auch Stimmenanteile der Grünen in anderen Bereichen. Trotzdem ist die Beziehung ähnlich wie 2009, wenn auch nicht ganz so deutlich (r=0,332, p-Wert < 3,8 * 10-09, 95-Prozent Confidence Interval: 0,228 / 0.430).

Wie sieht das im Vergleich zu den anderen Parteien aus? Hier nochmal die Werte für 2009 mit ein paar ausgewählten Parteien:

Grüne FDP SPD CDU/CSU Linke
Korrelationskoeffizient r 0,560 0,545 0,227 0,120 -0,713
p-Wert < 2,2 * 10-16 < 2,2 * 10-16 7,377 * 10-5 0,038 < 2,2 * 10-16
95-Prozent Confidence Interval 0,477 / 0.633 0,460 / 0.620 0,117 / 0.332 0,007 / 0.230 -0,765 / -0.652
Statistische Signifikanz Hoch Hoch Hoch Niedrig Hoch

Eine Erklärung zum Korrelationskoeffizienten r für Nicht-Statistiker: Der Wert kann zwischen +1 und -1 liegen. Je größer der Betrag (also der Abstand von 0), desto stärker korrelieren die Werte.

Die Tabelle zeigt, dass nicht nur die Stimmenanteile der Grünen mit der Wahlbeteiligung korrelieren. Mit den FDP-Stimmanteilen sieht es fast identisch aus. Die SPD-Stimmenanteile korrelieren schon deutlich weniger mit der Wahlbeteiligung. Bei der CDU/CSU lässt sich zwar eine geringe positive Korrelation feststellen, diese weist jedoch im Vergleich zu den zuerst genannten bei weitem nicht das gleiche Signifikanzniveau auf (Ich bemesse die Signifikanz am p-Wert). Interessant wird es jedoch wieder bei den Linken. Hier gibt es die stärkste Korrelation von Wahlbeteiligung und Stimmenanteil, jedoch in negative Richtung. Sprich: Bei der Bundestagswahl 2009 haben die Linken dort größere Anteile geholt, wo die Wahlbeteiligung geringer war.

Was bedeutet das alles? Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Es bedeutet jedenfalls mit großer Sicherheit, dass der von Güllner festgestellte Zusammenhang zwischen Wahlbeteiligung und Grünen-Abschneiden auf Bundesebene nicht zutrifft. Darüber hinaus ist es kaum möglich und gleichzeitig sehr riskant, aus einer beobachteten Korrelation einen kausalen Zusammenhang abzuleiten. Warum bekommen die Grünen mehrheitlich dort höhere Stimmenanteile, wo die Wahlbeteiligung höher ist? Schwer zu sagen.

Ich würde mir wünschen, dass sich jemand Herrn Güllners Buch näher ansieht und seine Aussagen weiter überprüft. Datenjournalisten, wo seit Ihr? Falls jemand Kommunalwahldaten zusammengestellt hat und diese auswerten möchte, helfe ich gerne im Rahmen meiner Möglichkeiten mit.

Weiterhin lesenswert:

Update 28. September, 21:32 Uhr

Die Wahlergebnisse der Gemeinderatswahlen von NRW in 2009 und 2004 stützen Güllners Aussagen zur Korrelation von Wahlbeteiligung und Stimmenanteil der Grünen nicht.

Ich habe von der Landeswahlleiterin des Landes NRW die Daten zur Gemeinderatswahl herunter geladen. Das ist übrigens ein mittelschweres Open-Data-Fiasko: Jedes der 373 Gemeinde-Ergebnisse ist in einer eigenen Textdatei (Beispiel) abgelegt. Um daraus erst mal eine gemeinsame Tabelle mit den Zahlen zu Wählern, Wahlberechtigten und Stimmanzahlen zu machen, brauchte es einen kompletten Download aller Dateien (wget!) und ein nicht ganz kurzes Python-Script. Falls jemand die Daten haben möchte, sich aber diese Mühe nicht machen will, kann er sie hier herunterladen.

Die Korrelationsanalyse zwischen Wahlbeteiligung und Stimmenanteil der Grünen zeigt keine Korrelation. Außerdem habe ich nach Korrelationen gesucht für die Stimmen von CDU, SPD, FDP und Linke. Teilweise sind korrelationen vorhanden, und zwar sowohl positive als auch negative, und alle sind sie bei weitem nicht so stark wie auf Bundesebene.

Hier die Ergebnisse für 2009:

Grüne FDP SPD CDU Linke
Korrelationskoeffizient r 0,032 0,118 -0,193 0,229 -0,367
p-Wert 0,5727 0,0275 0,0001762 7,741 * 10-6 8,199 * 10-6
Statistische Signifikanz Niedrig Niedrig Eher hoch Hoch Hoch

Die Tabelle zeigt, dass die Stimmanteile von SPD und Linken negativ mit der Wahlbeteiligung assoziiert sind, und zwar bei den Linken deutlich stärker als bei der SPD. Das heißt hier: In Gemeinden, in denen die Wahlbeteiligung hoch war, haben Linke und SPD vergleichsweise kleine Stimmanteile bekommen. Die Anteile der CDU korrelieren in geringem Ausmaß positiv mit der Wahlbeteiligung. Für die FDP ist, wie auch bei den Grünen, keine signifikante Korrelation nachweisbar.

Die Korrelationsdaten für 2004 bestätigen dieses Bild weitgehend:

Grüne FDP SPD CDU Linke
Korrelationskoeffizient r 0,077 0,122 -0,254 0,245 -0,023
p-Wert 0,181 0,027 6,086 * 10-7 1.643 * 10-6 0,953
Statistische Signifikanz Niedrig Niedrig Hoch Hoch Niedrig

Ein wesentlicher Unterschied ist, dass für 2004 bei den Linken keine Korrelation existiert.

Aber es bleiben ja noch 15 Bundesländer sowie zahlreiche Wahlformen und -jahre übrig.

Update 29. September 2012, 15:22 Uhr

Auch für die Kommunalwahl 2001 in Mecklemburg-Vorpommern habe ich nun Daten. Hier finde ich ebenfalls keine negative Korrelation zwischen Stimmanteilen der Grünen und der Wahlbeteiligung. Die Korrelation ist dagegen mit r = 0,12 (p-Wert = 3,032e-07) schwach positiv. Für die Linken lässt sich hier ein negativer Zusammenhang mit r = -0,27 (p-Wert < 2,2e-16) feststellen.

Die Wahlergebnisse kann man auf der Website der Landeswahlleiterin als CSV-Datei herunterladen. Darin sind die Stimmenzahlen für jeden einzelnen der über 1800 Wahlbezirke einzeln aufgeführt, jeweils einmal absolut und einmal prozentual. Meine Version der Datei ist ein wenig bereinigt (es sind nur die absoluten Zahlen enthalten) und kann so direkt in Programme wie z.B. R importiert werden.

1 Comment

Simon on 2012/10/18 at 14:05h GMT:

Vielen Dank erst einmal für die tolle Analyse. Ich habe lange im Netz suchen müssen um einen partiellen Faktencheck zu finden.

Ich denke, was Herr Güllner versäumt hat und was Jutta Ditfurth dafür umso besser gelungen ist, ist die Herausstellung der Diskrepanz zwischen Rhetorik und Handlung, die bei keiner anderen Partei in Deutschland so stark ausgeprägt ist, wie bei den Grünen. Wenn Herr Güller sagt, dass mehr als ein Drittel aller Journalisten in Deutschland sich den Grünen zugehörig fühlen, dann ist das aus meiner Sicht ein Erklärungsansatz für die Zurückhaltung vieler Journalisten, die „Heuchelei“ dieser Partei offen zu hinterfragen. Wie ist es zum Beispiel zu erklären, dass die SPD für ihre Sozial- und Wirtschaftsreformen vom Wähler derart abgestraft worden ist (zu Recht!), die Grünen, die ebenfalls an all diesen Entscheidungen, inklusive Afghanistan- und Kosovoeinsatz beteiligt waren, mit heiler Haut davon gekommen sind bzw. sich schnell von kurzfristigen Einbrüchen in der Wählergunst erholen konnten? Die Erklärung liegt auf der Hand und wird weniger von Güllner, als vielmehr von Jutta Ditfurth geliefert: Es ist die Kombination aus wohlwollender Berichterstattung wichtiger Teile der Qualitätsmedien und der Ignoranz der meist gutverdienenden und deshalb sozial abgeschotteten Wählerschaft. Eine Gefährdung für die Demokratie ergibt sich aus diesem Umstand erst mal nicht. Ein etwas kritischerer Umgang mit den Grünen seitens der Medien und ihrer Wählerschaft ist allerdings sehr wohl angebracht.
Der Grünwähler bekommt eine liberale Einwanderungspolitik, deren Konsequenzen er als Gutverdienet nicht zu tagen hat und die er deshalb moralisch für gerechtfertigt hält; eine teils neoliberale Wirtschaftspolitik, die ihm als Gutverdiener nur nützt und eine klassische Weltverbesserer-Rhetorik, die seine eigene innere Zerrissenheit angenehm verschleiert und damit für ihn erträglich macht.

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