In meinem vorigen Beitrag Wir treffen uns im Fediverse habe ich über dezentrale soziale Netzwerke und das Fediverse geschrieben.

Verglichen mit den großen, zentralisierten Vorbildern ist das Fediverse im Moment klein. the-federation.info listet noch nicht einmal 3 Mio Accounts. Etwa 500.000 davon waren innerhalb der letzten 30 Tage aktiv. Lohnt es sich da, Zeit zu investieren, sich ein Netzwerk aufzubauen und Tools zu testen? Oder sogar darüber zu reden und andere Menschen, die wir im Fediverse vermissen würden, zum Mitmachen zu überreden?

Ja, es lohnt sich. Hier sind meine neun Gründe.

1. Irgendwer muss es ja tun

Gandhi sagte angeblich: “Be the change you wish to see in the world”. Wie würde sich das Fediverse entwickeln, wenn jeder untätig darauf warten würde, dass andere darin was spannendes anstellen?

2. So wenige sind das gar nicht

Auch mit den aktuell 3 Millionen Benutzer*innen lässt sich schon ein persönliches Netzwerk aufbauen. @nextcloud@mastodon.xyz - inhaltlich identisch mit dem Twitter-Account Nextclouders – hat rund 3.200 Folgende. Bei dem Twitter-Pendant sind es gerade mal viermal so viele. Aral Balkan, ein profilierter Aktivist für verteilte, dezentrale soziale Medien, hat 4.280 Follower - entspricht 10% seiner Follower-Zahl auf Twitter.

3. Die Vielfalt der Tools im Fediverse ist jetzt noch überschaubar

Aber sie wächst beinahe Tag für Tag. Im Moment gibt es Alternativen zu Twitter (Mastodon, Pleroma), Facebook (Diaspora, Friendica, …), Instagram (Pixelfed), YouTube (Peertube), Reddit/Hackernews (Prismo), Medium (Plume), PasetBin (DistBin), SoundCloud (FunkWhale). Sie alle basieren auf dem ActivityPub Protokoll und sind darauf ausgelegt, mit einander zu kommunizieren.

4. Der nächste Datenskandal bei Facebook und Twitter kommt bestimmt

Bist Du dann bereits im Fediverse aktiv, wirst Du Dich bestätigt fühlen. Ein gutes Gefühl, beinahe so, als hättest Du kurz vor dem Totalausfall Deiner Laptop-SSD noch ein Vollbackup durchgeführt. Nicht so prickelnd hingegen wäre das schale Gefühl, wenn Du feststellst, dass Du seit dem letzten Skandal mit der Suche nach Alternativen zu Facebook und Co. keinen Schritt weiter gekommen bist.

5. Größe ist nicht alles

Was Du jetzt beispielsweise auf Mastodon veröffentlichst, erreicht zwar numerisch und theoretisch eine kleinere Zahl an Nutzer*innen, als es potentiell auf Twitter der Fall ist. Ich könnte mir aber vorstellen, dass die Qualität der Interaktionen und die Bereitschaft, sich auf einen Beitrag einzulassen (z. B. durch Link anklicken, antworten, boosten - als re-tweeten) auf Mastodon eine andere ist.

6. Du willst doch Avantgarde sein

Du möchtest im Jahr 2024 sagen können: Ich war schon mit dabei, als das Fediverse noch weit unter einer Milliarde Nutzer*innen hatte.

7. Im Fediverse kannst Du vielleicht etwas ganz neues machen, was noch kein anderer macht

Probier doch einfach mal, ein bestimmtes Thema oder Hashtag zu beackern. Die Chancen, dass Du damit im Fediverse etwas besonderes machst, stehen gar nicht so schlecht.

8. Man muss ja nicht alles von Hand machen

Es gibt sicherlich etliche Wege, Beiträge von Facebook und Twitter auch in Mastodon, Pleroma oder Friendica zu veröffentlichen. Und Instagram-Posts auf Pixelfed und Youtube-Videos auf Peertube.

Wenn Du darüber nachdenkst, ziehe auch den umgekehrten Weg in Betracht: bespiele Deinen Mastodon-Account gezielt und re-poste automatisch auf Twitter und Facebook.

9. Die Mühe ist nicht umsonst

Die Zeit, die Du in Mastodon investierst, ist nicht “für die Katz”, selbst wenn Du Dich entschließen solltest, später auf eine andere Instanz zu setzen oder sogar ganz von Mastodon Abstand zu nehmne. Du wirst Deine Daten sehr warscheinlich zu anderen Diensten/Plattformen/Instanzen migrieren können, wenn sich herausstellt, dass Du lieber einen anderen nutzen würdest. Das Fediverse ist offen. Datenportabilität ist bei Plattformen wie Mastodon von Tag Eins mitgedacht. Einzig Deine Follower bekommst Du nicht automatisch zu einem anderen Dienst portiert. Denen musst Du mitteilen, wenn Sie Dir anderswo folgen sollen. Aber auch das wird sicher eines Tages von irgend einem Dienst unterstützt.

Also los! Ich bin @sendung@chaos.social